15 Mai 2026

7 Min. Lesezeit

Microsoft hat mit der Copilot Wave 3 die Modellfrage geöffnet. In Microsoft 365 Copilot laufen jetzt Anthropics Claude-Modelle neben denen von OpenAI, im selben Produkt, teils im selben Arbeitsschritt. Für Cloud- und Plattform-Teams ist das kein Komfort-Feature, sondern eine Architektur-Entscheidung. Sie betrifft Datenfluss, Latenz, Kosten und die Frage, von wie vielen KI-Anbietern ein Unternehmen am Ende abhängt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Claude läuft jetzt neben GPT: Mit Wave 3 sind Anthropics Claude-Modelle im Copilot-Hauptchat verfügbar, zusätzlich zu den OpenAI-Modellen. Copilot wählt pro Aufgabe automatisch das passende Modell.
  • DACH bekommt eine Sonderregel: In der EU, in Großbritannien und der EFTA ist für die Anthropic-Modelle weiterhin ein Admin-Opt-in nötig. Ohne diesen Schritt bleibt der Stack bei OpenAI.
  • Ein zweiter Anbieter heißt ein zweiter Subprozessor: Anthropic kommt als zusätzlicher Subprozessor in die Datenverarbeitung. Das ist weniger Vendor-Lock, aber mehr Auftragsverarbeitung, die ein Audit nachvollziehen muss.

Verwandt:Copilot Studio wird zur Agenten-Leitstelle  /  AWS Bedrock AgentCore schränkt Agenten-Strategien ein

Was Model Choice technisch bedeutet

Model Choice ist die Funktion, mit der Microsoft 365 Copilot nicht mehr an ein einziges Sprachmodell gebunden ist. Bis 2025 lief Copilot ausschließlich auf OpenAI-Modellen. Mit Wave 3 sind Anthropics Claude-Modelle dazugekommen, im Hauptchat über das Frontier-Programm und im Copilot Studio als wählbare Alternative für selbst gebaute Agenten.

Der Modus, der Cloud-Teams am meisten betrifft, ist das automatische Routing. Copilot wählt laut Microsoft pro Aufgabe das Modell, das am besten passt. Reasoning-schwere Aufgaben können an Claude gehen, andere an ein OpenAI-Modell. Im Copilot Studio bleibt OpenAI der Default für neue Agenten, die Auswahl von Claude ist eine bewusste Entscheidung des Erstellers.

Wichtig zur Einordnung: Model Choice ist kein neutraler Schalter. Sobald das Routing aktiv ist, kann derselbe Arbeitsablauf in einer Sitzung über zwei Anbieter laufen. Das ist die eigentliche Neuerung. Sie hat technische Folgen, die über die reine Modellqualität hinausgehen.

Der Datenfluss und ein neuer Subprozessor

Die erste Folge betrifft den Datenfluss. Wenn eine Anfrage an ein Claude-Modell geht, wird Anthropic zum Subprozessor in der Verarbeitungskette von Microsoft Online Services. Microsoft führt Anthropic entsprechend in seiner Subprozessor-Dokumentation. Für ein Unternehmen, dessen Datenschutz-Audit die Auftragsverarbeitungskette prüft, ist das ein neuer Eintrag, der dokumentiert und bewertet werden muss.

Hier liegt auch die wichtigste DACH-Besonderheit. Anthropics Modelle sind seit Anfang Januar 2026 in den meisten Regionen standardmäßig in Copilot Studio verfügbar. In der EU, in Großbritannien und der EFTA gilt das nicht automatisch. Dort ist ein ausdrückliches Admin-Opt-in nötig, bevor die Claude-Modelle genutzt werden. Wer in einem deutschen Unternehmen Copilot betreibt und nichts ändert, bleibt vorerst auf dem OpenAI-Pfad.

Das ist kein Nachteil, sondern eine Entscheidungssituation. Das Opt-in ist der Punkt, an dem die Datenschutz- und die IT-Funktion gemeinsam draufschauen sollten. Welche Datenklassen verarbeitet Copilot. Will das Unternehmen diese Daten in eine zweite Anbieter-Infrastruktur geben. Ist die Auftragsverarbeitung dafür sauber geregelt. Diese Fragen gehören vor das Opt-in, nicht danach.

Routing, Latenz und die Kostenfrage

Die zweite Folge ist betrieblicher Natur. Ein Stack mit zwei Modell-Anbietern verhält sich anders als ein Stack mit einem. Die folgende Übersicht zeigt, wo die beiden Modellfamilien im Copilot-Kontext stehen.

Aspekt OpenAI-Modelle Claude-Modelle
Rolle im Stack Default für Copilot und neue Agenten Wählbare Alternative, im Routing zuschaltbar
Stärke laut Microsoft Breite Allround-Eignung, kreative Inhalte Reasoning-schwere Aufgaben
DACH-Verfügbarkeit Verfügbar EU, UK und EFTA nur nach Admin-Opt-in
Datenverarbeitung OpenAI als Subprozessor Anthropic als zusätzlicher Subprozessor

Quelle: Microsoft 365 Blog und Copilot-Studio-Blog zur Modellauswahl, Stand Mai 2026.

Beim Thema Latenz ist Ehrlichkeit angebracht. Microsoft veröffentlicht keine belastbaren Antwortzeit-Vergleiche zwischen den Modellen im Copilot-Kontext. Wer Latenz als Kriterium braucht, muss sie im eigenen Mandanten messen, mit realen Prompts aus dem eigenen Arbeitsalltag. Pauschale Aussagen, ein Modell sei generell schneller, tragen in einem Routing-Setup nicht, weil die Aufgabe und nicht das Modell den Pfad bestimmt.

Die Kostenfrage liegt im Copilot-Kontext anders als bei direktem Modell-API-Zugriff. Microsoft 365 Copilot wird pro Nutzer lizenziert. Der Modellwechsel im Hauptchat verändert die Lizenzrechnung damit nicht direkt. Im Copilot Studio können dagegen verbrauchsbasierte Komponenten anfallen, dort gehört die Kostenseite genauer betrachtet. Was sich in beiden Fällen ändert, ist die Planbarkeit. In einem Single-Model-Stack ist das Verhalten konsistenter. In einem Routing-Stack hängt das Ergebnis davon ab, welches Modell Copilot wählt. Und das kann sich mit Microsoft-Updates verschieben.

Vendor-Abhängigkeit, weniger oder mehr

Das stärkste Argument für Model Choice ist die geringere Abhängigkeit von einem einzelnen KI-Anbieter. Das Argument stimmt, aber es ist kürzer als es klingt. Wer beide Seiten nüchtern auflistet, trifft die bessere Entscheidung.

Was Model Choice entlastet

  • Kein Totalausfall, wenn ein einzelner Modell-Anbieter Probleme hat
  • Aufgaben können an das jeweils stärkere Modell gehen
  • Die Verhandlungsposition gegenüber einem einzelnen Anbieter verbessert sich
  • Strategische Wahlfreiheit, wenn sich die Modellqualität verschiebt

Was Model Choice verlagert

  • Die Abhängigkeit von Microsoft als Plattform bleibt unverändert
  • Ein zweiter Subprozessor erweitert die Auftragsverarbeitungskette
  • Das Routing ist eine Black Box, die Microsoft steuert, nicht der Kunde
  • Das Verhalten wird weniger vorhersagbar, weil der Pfad pro Aufgabe variiert

Der entscheidende Punkt steht in der rechten Spalte oben. Model Choice senkt die Abhängigkeit von OpenAI oder Anthropic, nicht die von Microsoft. Copilot bleibt die Plattform, das Routing bleibt in Microsofts Hand, die Lizenz bleibt dieselbe. Wer Multi-Model als Souveränitäts-Gewinn verkauft, verwechselt die Modell-Ebene mit der Plattform-Ebene.

Was Cloud-Teams jetzt klären

Model Choice ist eine gute Entwicklung, aber keine, die sich von selbst einstellt. Drei Punkte gehören auf den Tisch, bevor das Opt-in gesetzt wird.

Erstens die Datenfrage. Vor dem EU-Opt-in klärt die Datenschutzfunktion, ob die von Copilot verarbeiteten Datenklassen in eine zweite Anbieter-Infrastruktur dürfen. Die Auftragsverarbeitung mit Anthropic als Subprozessor wird dokumentiert, nicht stillschweigend mitgenommen.

Zweitens die Messung. Wer von Model Choice einen Qualitäts- oder Tempogewinn erwartet, misst ihn im eigenen Mandanten mit echten Prompts. Ohne diese Messung bleibt die Modellwahl ein Bauchgefühl, das Microsoft-Updates jederzeit verschieben können.

Drittens die Erwartung. Model Choice ist ein Werkzeug gegen das Anbieter-Klumpenrisiko auf der Modell-Ebene. Es ist keine Exit-Strategie aus dem Microsoft-Ökosystem. Diese Unterscheidung gehört in jede Architektur-Diskussion, sonst entsteht ein falsches Sicherheitsgefühl.

Die nüchterne Einordnung: Claude neben GPT im selben Stack ist ein Fortschritt, weil er echte Wahl schafft, wo vorher keine war. Der Fortschritt endet aber an der Plattform-Grenze. Wer das versteht, nutzt Model Choice für das, was es kann. Die Plattform-Frage plant er weiter als das, was sie ist.

Häufige Fragen

Was ist Model Choice in Microsoft 365 Copilot?

Model Choice ist die Funktion, mit der Copilot nicht mehr an ein einziges Sprachmodell gebunden ist. Mit der Wave 3 sind Anthropics Claude-Modelle zusätzlich zu den OpenAI-Modellen verfügbar. Copilot wählt pro Aufgabe automatisch ein passendes Modell, im Copilot Studio lässt sich das Modell pro Agent auch manuell festlegen.

Welche Modelle stehen zur Auswahl?

Im Copilot Studio bleibt ein OpenAI-Modell der Default für neue Agenten. Zusätzlich lassen sich Anthropics Claude-Modelle auswählen, im Agent-Builder etwa Claude Sonnet und Claude Opus. Im Hauptchat ist Claude über das Frontier-Programm verfügbar.

Sind die Claude-Modelle in Deutschland verfügbar?

Nicht automatisch. In der EU, in Großbritannien und der EFTA ist ein ausdrückliches Admin-Opt-in nötig, bevor die Anthropic-Modelle genutzt werden. In den meisten anderen Regionen sind sie seit Anfang Januar 2026 standardmäßig aktiv. Ohne Opt-in bleibt ein deutscher Copilot-Mandant auf den OpenAI-Modellen.

Was bedeutet Model Choice für den Datenschutz?

Sobald ein Claude-Modell genutzt wird, kommt Anthropic als zusätzlicher Subprozessor in die Verarbeitungskette von Microsoft Online Services. Das ist ein neuer Eintrag, den ein Datenschutz-Audit dokumentieren und bewerten muss. Die Entscheidung über das Opt-in gehört deshalb gemeinsam zu IT und Datenschutz.

Senkt Model Choice die Abhängigkeit von Microsoft?

Nein. Model Choice senkt die Abhängigkeit von einem einzelnen Modell-Anbieter wie OpenAI oder Anthropic. Die Plattform bleibt Microsoft Copilot, das Routing steuert Microsoft, die Lizenz bleibt dieselbe. Multi-Model ist ein Gewinn auf der Modell-Ebene, keine Exit-Strategie aus dem Ökosystem.

Bildquelle: KI-generiert (Mai 2026)

Auch verfügbar in

Ein Magazin der Evernine Media GmbH