15 Oktober 2025

5 Min. Lesezeit

Digitale Souveränität galt lange als politisches Schlagwort ohne technische Substanz. 2025 hat sich das geändert. Funktionierende Sovereign-Cloud-Angebote, regulatorischer Rückenwind durch EU Data Act und AI Act sowie eine wachsende Zahl deutscher Unternehmen, die ihre Cloud-Strategie bewusst europäisch aufstellen — aus der Forderung wird ein Markt.

Das Wichtigste in Kürze

  • 51 Prozent der deutschen Unternehmen sehen sich stark von US-Importen digitaler Technologien abhängig — ein Anstieg um zehn Prozentpunkte seit Anfang 2025 (Bitkom, 2025).
  • GAIA-X hat sich vom Papiertiger zum funktionierenden Gütesiegel gewandelt: Mehrere hundert Cloud-Services durchlaufen die GAIA-X-Zertifizierung.
  • Der europäische Cloud-Markt wächst 2025 um 24 Prozent (Synergy Research) — doch europäische Anbieter profitieren überproportional vom Souveränitätstrend.
  • SAP, T-Systems und IONOS haben eigene Sovereign-Cloud-Stacks aufgebaut, die ohne US-Hyperscaler-Abhängigkeit funktionieren.
  • Der EU Data Act und der AI Act schaffen ab 2026 einen regulatorischen Rahmen, der europäische Cloud-Anbieter erstmals strukturell begünstigt.

Die Abhängigkeit deutscher Unternehmen von US-amerikanischen Cloud-Anbietern ist gut dokumentiert: AWS, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren zusammen rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Was weniger bekannt ist: Europäische Anbieter halten rund 15 Prozent Marktanteil — stabil seit 2022, aber mit wachsender Sovereign-Cloud-Nachfrage (Synergy Research).

Der Grund ist nicht Protektionismus, sondern Pragmatismus. Unternehmen in regulierten Branchen — Finanzwesen, Gesundheit, öffentliche Verwaltung — brauchen Infrastruktur, die nachweisbar europäischem Recht unterliegt. Nicht als Nice-to-have, sondern als Compliance-Anforderung.

GAIA-X: Vom Papiertiger zum Gütesiegel

Die Geschichte von GAIA-X ist eine Geschichte überzogener Erwartungen — und stiller Korrektur. 2019 als deutsch-französische Hyperscaler-Alternative angekündigt, wurde das Projekt schnell zum Symbol für europäische Technologie-Ambitionen ohne Lieferfähigkeit. 22 Arbeitsgruppen, 300 Mitglieder, null nutzbare Produkte — so lautete die Bilanz noch Mitte 2023.

Seitdem hat sich Entscheidendes verändert: GAIA-X hat aufgehört, eine Cloud zu bauen, und angefangen, Standards zu definieren. Die GAIA-X Digital Clearing House (GXDCH) Architektur zertifiziert inzwischen Cloud-Services nach definierten Kriterien für Datensouveränität, Transparenz und Interoperabilität. Über 350 Services tragen das Label — von Storage-Lösungen über Container-Plattformen bis zu KI-Entwicklungsumgebungen.

„GAIA-X war nie dafür gedacht, einen eigenen Hyperscaler zu bauen. Es geht um Regeln, nicht um Rechenzentren.“
— Ulrich Ahle, CEO der GAIA-X Association
100+
Cloud-Services in der GAIA-X-Zertifizierung

Sovereign Cloud: Drei deutsche Anbieter, die liefern

Parallel zu GAIA-X haben deutsche Unternehmen eigene Sovereign-Cloud-Stacks aufgebaut, die bereits im produktiven Einsatz sind:

T-Systems Open Telekom Cloud: Die Telekom-Tochter betreibt seit 2016 europäische Cloud-Infrastruktur auf Basis von OpenStack. Mit der „Sovereign Cloud powered by Google Cloud“ ging T-Systems 2024 einen Schritt weiter: Google-Technologie, betrieben in deutschen Rechenzentren unter deutscher Datenhoheit. Über 4.000 Kunden nutzen die Plattform, darunter mehrere Bundesbehörden.

SAP Sovereign Cloud: SAPs Angebot richtet sich an Unternehmen, die S/4HANA und BTP in einer vollständig EU-kontrollierten Umgebung betreiben wollen. Die Daten verlassen nie den europäischen Rechtsraum, der Zugriff wird ausschließlich durch EU-Personal mit Sicherheitsüberprüfung verwaltet. Seit dem Launch 2023 haben über 200 Kunden migriert. Wer dazu passende GPU-Cluster und KI-Infrastruktur Made in Germany sucht, findet inzwischen ein wachsendes Ökosystem.

IONOS Cloud: Als Tochter von United Internet betreibt IONOS Rechenzentren ausschließlich in Deutschland und Spanien. Die hauseigene Cloud-Plattform bietet Compute, Storage und Kubernetes — vollständig DSGVO-konform und ohne Abhängigkeit von US-Technologie im Stack. Der Umsatz wuchs 2024 um rund zehn Prozent auf 1,56 Milliarden Euro.

Der regulatorische Rückenwind

Zwei EU-Gesetze verändern 2025/26 die Wettbewerbsdynamik im Cloud-Markt grundlegend:

Der EU Data Act, seit September 2025 vollständig anwendbar, schreibt Cloud-Anbietern erstmals vor, Datenportabilität und nahtlosen Anbieterwechsel zu ermöglichen. Für Unternehmen bedeutet das: Der Wechsel von einem Hyperscaler zu einem europäischen Anbieter wird technisch und vertraglich deutlich einfacher. Switching Costs — bisher das stärkste Lock-in-Instrument der großen Drei — verlieren ihre Wirkung. Wer seine Multi-Cloud-Strategie europäisch aufstellt, profitiert direkt.

Der AI Act stuft bestimmte KI-Anwendungen als hochriskant ein und fordert nachweisbare Kontrolle über Trainingsdaten und Modelle. Unternehmen, die solche Anwendungen auf US-Cloud-Infrastruktur betreiben, stehen vor einem Dokumentationsproblem: Wie belegen sie, dass kein Zugriff durch Drittstaaten möglich ist? Europäische Sovereign Clouds bieten hier einen strukturellen Vorteil.

„Die Frage ist nicht mehr, ob Cloud-Souveränität relevant wird, sondern wie schnell Unternehmen ihre Architektur darauf ausrichten.“

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Erstens: Workload-Klassifizierung durchführen. Nicht jeder Workload braucht eine Sovereign Cloud. E-Mail und Collaboration können problemlos bei einem Hyperscaler laufen. Aber Kundendaten, Finanztransaktionen und KI-Modelle auf sensiblen Daten gehören in eine kontrollierte Umgebung.

Zweitens: Multi-Cloud-Strategie europäisch denken. Eine Hybrid-Cloud-Architektur mit mindestens einem europäischen Anbieter im Stack reduziert Abhängigkeiten und schafft Verhandlungsspielraum. Kubernetes und Terraform machen den parallelen Betrieb technisch handhabbar.

Drittens: GAIA-X-Labels als Beschaffungskriterium einführen. Wer bei der nächsten Cloud-Ausschreibung GAIA-X-Konformität als Muss-Kriterium definiert, filtert automatisch Anbieter, die europäische Souveränitätsstandards erfüllen. Und wer die Kosten im Griff behalten will, kombiniert das mit einer soliden FinOps-Strategie.

Parallel dazu lohnt der Blick auf nachhaltige Rechenzentren: Wer souverän hostet, kann auch die Energiebilanz seiner Infrastruktur direkt steuern.

Häufige Fragen

Ist GAIA-X eine Alternative zu AWS oder Azure?

Nein. GAIA-X ist kein Cloud-Anbieter, sondern ein Regelwerk für souveräne Cloud-Dienste. Es zertifiziert bestehende Anbieter nach Kriterien wie Datensouveränität und Interoperabilität. Unternehmen wie T-Systems oder IONOS bieten die eigentliche Infrastruktur.

Halten Sovereign Clouds technisch mit Hyperscalern mit?

In den meisten Enterprise-Szenarien ja. Für spezialisierte KI-Workloads oder globale Content Delivery gibt es noch Lücken. Die Hybrid-Strategie — souveräne Infrastruktur für regulierte Workloads, Hyperscaler für den Rest — ist aktuell der pragmatischste Ansatz.

Was kostet der Umstieg auf eine Sovereign Cloud?

Die Migrationskosten variieren stark. Für eine typische mittelständische SAP-Landschaft rechnen Berater mit 6–12 Monaten Migrationszeit und 15–25 Prozent höheren laufenden Kosten gegenüber einem Hyperscaler. Der EU Data Act senkt allerdings die Wechselkosten erheblich.

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Quelle des Titelbildes: Pexels / Manuel Geissinger

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