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AWS hält 31 Prozent Marktanteil, verliert aber langsam. Azure wächst mit 31 Prozent Jahr für Jahr am schnellsten und liegt bei 25 Prozent. Google Cloud hält 11 Prozent, wächst um 26 Prozent und setzt alles auf KI. Zusammen kontrollieren die drei 68 Prozent eines Marktes, der 2025 die 119-Mrd.-US-Dollar-Marke pro Quartal überschritten hat. Für DACH-Unternehmen, die 2026 ihre Cloud-Strategie festlegen, ist die Frage nicht mehr ob Cloud, sondern welche. Dieser Vergleich liefert die Entscheidungsgrundlage.
Das Wichtigste in Kürze
- AWS: 31 Prozent Marktanteil, 33 Mrd. US-Dollar Quartalsumsatz (Q4 2025), 20 Prozent Wachstum. Breitestes Service-Portfolio, stärkstes Ökosystem, aber langsam erodierende Marktführerschaft (Synergy Research Q4 2025).
- Azure: 25 Prozent Marktanteil, 31 Prozent Wachstum. Stärkste Enterprise-Integration durch Microsoft 365, Active Directory und Copilot. Für Unternehmen mit Microsoft-Stack oft die natürliche Wahl.
- Google Cloud: 11 Prozent Marktanteil, 26 Prozent Wachstum, 12,5 Mrd. US-Dollar Quartalsumsatz. KI-Vorreiter (Gemini, TPUs, Vertex AI), stärkstes Daten-Ökosystem (BigQuery), aber kleinstes Enterprise-Netzwerk.
- 119 Mrd. US-Dollar Quartalsumsatz für Cloud-Infrastruktur weltweit (Q4 2025). Verdopplung gegenüber 68 Mrd. US-Dollar vor zwei Jahren.
- DACH-Entscheidungskriterien: Datensouveränität (EU-Regionen), bestehender Tech-Stack, KI-Strategie und Fachkräfteverfügbarkeit entscheiden mehr als der Listenpreis.
Marktanteile 2026: Die Machtverhältnisse verschieben sich
Der Cloud-Infrastruktur-Markt wächst seit acht Quartalen um mehr als 20 Prozent jährlich. Q3 2025 durchbrach erstmals die 107-Mrd.-US-Dollar-Marke pro Quartal, Q4 setzte mit 119 Mrd. US-Dollar einen neuen Rekord. Trotz der Größe beschleunigt sich das Wachstum, getrieben von KI-Workloads und der Migration von Legacy-Systemen.
Die Verschiebung innerhalb der Big Three ist subtil, aber real. AWS dominiert weiterhin, aber der Marktanteil ist von 30 Prozent Anfang 2025 auf 28-31 Prozent gesunken (je nach Quartal und Methodik). Azure hat den Abstand von 10 auf 6 Prozentpunkte verkürzt. Google Cloud wächst zwar schneller als AWS, aber die absolute Basis ist klein genug, dass der Marktanteil kaum steigt.
Synergy Research fasst es zusammen: Oracle und die Neo-Clouds (Coreweave, Lambda Labs) gewinnen inkrementell Anteile, aber die Big Three dominieren mit 63 bis 68 Prozent weiterhin den Markt. Für DACH-Unternehmen bedeutet das: Die Anbieterwahl bleibt eine Drei-Optionen-Entscheidung.
Quelle: Synergy Research Group, Q4 2025
AWS: Der Platzhirsch mit dem breitesten Portfolio
Stärken: AWS bietet über 200 Services. Kein anderer Anbieter hat ein vergleichbares Spektrum an Compute, Storage, Datenbank, Networking, ML/KI, IoT und Spezialservices. Das Ökosystem aus Partnern, Consultants und zertifizierten Fachkräften ist im DACH-Raum am größten. Die Frankfurt-Region (eu-central-1) ist eine der ältesten und am besten ausgebauten EU-Regionen aller Anbieter.
Schwächen: Die Preisstruktur ist komplex. AWS hat historisch die höchsten On-Demand-Preise, kompensiert durch Reserved Instances und Savings Plans, die Commitment erfordern. Die FinOps-Komplexität ist bei AWS am höchsten. Und: AWS hat kein Äquivalent zu Microsofts Enterprise-Bundling (M365+Azure+Dynamics).
Für wen: Unternehmen mit komplexen technischen Anforderungen, Multi-Service-Architekturen und DevOps-Teams, die Konfigurationsfreiheit schätzen. Startups profitieren vom Activate-Programm (bis 100.000 US-Dollar Credits).
Azure: Enterprise-Integration als Waffe
Stärken: Azure ist die natürliche Erweiterung des Microsoft-Stacks. Active Directory, Microsoft 365, Dynamics 365, Power Platform und Teams integrieren sich nahtlos. Für Unternehmen mit bestehender Microsoft-Infrastruktur (und das sind in DACH die Mehrheit) ist Azure der Weg des geringsten Widerstands. Das Enterprise Agreement bündelt Cloud-Spend mit Lizenzkosten, was CFOs schätzen.
Schwächen: Azure ist in einigen technischen Bereichen weniger ausgereift als AWS. Die Dokumentation ist fragmentiert, die Namenskonventionen ändern sich häufig und die Preistransparenz ist schlechter. Die Abhängigkeit vom Microsoft-Ökosystem schafft Lock-in, der schwer aufzulösen ist.
Für wen: Unternehmen mit Microsoft-Stack (M365, AD, Dynamics), die Enterprise-Integration über technische Tiefe priorisieren. Branchen mit hoher Regulierung (Finance, Healthcare) profitieren von Azures Compliance-Portfolio.
Google Cloud: KI-First und Daten-Exzellenz
Stärken: Google Cloud hat die stärkste KI/ML-Position: Gemini, TPUs (die einzigen Custom-AI-Chips neben NVIDIAs H100), Vertex AI und BigQuery als Daten-Plattform. Die Preisstruktur ist transparenter als bei AWS und Azure: Per-second Billing, Sustained Use Discounts automatisch und Committed Use Discounts ohne Upfront-Zahlung.
Schwächen: Das kleinste Enterprise-Netzwerk der drei. Weniger zertifizierte Partner und Consultants im DACH-Raum als AWS und Azure. Das Service-Portfolio ist schmaler. Und Googles Ruf, Produkte einzustellen (Google Reader, Stadia, Domains), erzeugt Vertrauensdefizite bei konservativen IT-Entscheidern.
Für wen: Datenintensive Unternehmen, KI-First-Strategien und Teams mit starker Open-Source-Affinität (Kubernetes, TensorFlow, Istio sind Google-Projekte). Besonders attraktiv für Unternehmen, die BigQuery als zentrale Datenplattform nutzen.
„Die Big Three halten zusammen 63 Prozent des Cloud-Marktes, aber der Wettbewerb verschiebt sich: Azure und Google gewinnen Anteile, während AWS erstmals langsam verliert. Oracle und die Neo-Clouds wachsen am schnellsten.“
Synergy Research Group, Cloud Market Share Q4 2025
DACH-Perspektive: Was in Deutschland anders ist
Der globale Marktanteil sagt wenig über die DACH-Realität. Drei Faktoren verschieben die Entscheidung:
1. Datensouveränität. DSGVO und Cloud Act erzeugen einen Konflikt, den kein US-Anbieter vollständig auflöst. AWS, Azure und GCP betreiben EU-Regionen, aber der US-Cloud Act erlaubt theoretisch Zugriff auf Daten in EU-Rechenzentren. Für hochsensible Workloads empfehlen BSI und BfDI europäische Alternativen oder Confidential Computing.
2. Fachkräfte. AWS hat in Deutschland das größte Ökosystem an zertifizierten Fachkräften, gefolgt von Azure. Google Cloud wächst, aber die Talent-Pipeline ist dünner. Für Unternehmen, die auf externe Dienstleister angewiesen sind, ist die Verfügbarkeit von Cloud-Beratern ein harter Entscheidungsfaktor.
3. Bestehender Tech-Stack. Microsoft-Shops wählen Azure. SAP-Kunden haben die Wahl zwischen allen drei (SAP läuft auf AWS, Azure und GCP), tendieren aber zu Azure oder AWS. Kubernetes-native Unternehmen neigen zu GCP. Der bestehende Stack hat mehr Gewicht als der Listenpreis.
Entscheidungsmatrix: Welcher Anbieter für welchen Use Case
Multi-Cloud-Infrastruktur: AWS als primärer Anbieter, Azure für Microsoft-Workloads, GCP für KI/Daten. Das ist der teuerste, aber flexibelste Ansatz. Erfordert Multicloud-Kompetenz und FinOps-Tooling.
All-in Microsoft: Azure als Primärcloud, integriert mit M365, Dynamics und Copilot. Niedrigste Komplexität für Microsoft-Shops, aber stärkster Lock-in.
KI-First: Google Cloud mit Vertex AI und BigQuery als Datenplattform. Ergänzt durch AWS für Produktions-Infrastruktur, wo GCP Lücken hat.
Budget-optimiert: GCP für Compute (automatische Sustained Use Discounts), AWS Reserved Instances für vorhersagbare Workloads, Spot-Instanzen für Batch-Verarbeitung.
Regulierte Branchen: Azure (stärkstes Compliance-Portfolio), ergänzt durch Confidential Computing auf AWS oder GCP für besonders sensible Daten. BSI C5-Testate bei allen drei Anbietern verfügbar.
Fazit
Es gibt keinen objektiv besten Cloud-Anbieter. Es gibt den richtigen Anbieter für den konkreten Use Case. AWS für maximale Flexibilität und das breiteste Portfolio. Azure für nahtlose Microsoft-Integration und Enterprise-Convenience. Google Cloud für KI-First-Strategien und Datenexzellenz. Die Marktanteile verschieben sich langsam zugunsten von Azure und GCP, aber AWS bleibt mit Abstand der größte Anbieter. Für DACH-Unternehmen entscheiden nicht die globalen Marktanteile, sondern drei lokale Faktoren: Datensouveränität, Fachkräfteverfügbarkeit und der bestehende Tech-Stack. Die teuerste Entscheidung ist keine Entscheidung. Jedes Quartal ohne Cloud-Strategie ist ein Quartal, in dem der Wettbewerb Vorsprung aufbaut.
Häufige Fragen
Welcher Cloud-Anbieter ist am günstigsten?
Das hängt vom Nutzungsmuster ab. GCP ist bei Compute oft günstiger durch automatische Sustained Use Discounts. AWS bietet die niedrigsten Preise bei langfristigen Reservierungen. Azure ist durch Enterprise Agreements oft günstiger als der Listenpreis vermuten lässt. Grundregel: Ohne FinOps-Tooling zahlt jedes Unternehmen 20 bis 40 Prozent zu viel.
Ist Multi-Cloud sinnvoll?
Für große Unternehmen mit unterschiedlichen Workload-Typen ja. Für Mittelständler mit begrenztem Cloud-Team meistens nein. Multi-Cloud erhöht die Komplexität und erfordert Fachkräfte für jeden Anbieter. Der pragmatische Ansatz: Ein primärer Anbieter für 80 Prozent der Workloads, ein zweiter für spezialisierte Use Cases (z.B. BigQuery für Daten auf GCP, obwohl der Rest auf AWS läuft).
Wie relevant ist die DSGVO bei der Cloud-Anbieterwahl?
Sehr relevant. Alle drei US-Anbieter betreiben EU-Regionen und bieten Standardvertragsklauseln (SCCs). Aber der US Cloud Act bleibt ein theoretisches Risiko. Für hochsensible Daten (Gesundheit, Finanzen, kritische Infrastruktur) empfehlen BSI und BfDI zusätzliche Maßnahmen: Confidential Computing, eigene Schlüsselverwaltung (BYOK) oder europäische Alternativen.
Welcher Anbieter ist am besten für KI?
Google Cloud hat das stärkste native KI-Ökosystem: Gemini-Modelle, TPUs als proprietäre KI-Chips, Vertex AI als ML-Plattform und BigQuery ML für SQL-basiertes ML. AWS hat das breiteste Angebot (SageMaker, Bedrock, Titan) und die größte GPU-Auswahl. Azure hat Copilot-Integration und die OpenAI-Partnerschaft. Für DACH: Die Wahl hängt davon ab, ob KI auf bestehendem Microsoft-Stack (Azure), auf proprietären Google-Tools (GCP) oder auf maximalem Anbietermix (AWS) laufen soll.
Kann man den Cloud-Anbieter später wechseln?
Technisch ja, wirtschaftlich teuer. Je mehr proprietäre Services genutzt werden (Lambda, DynamoDB, BigQuery, Cosmos DB), desto höher die Migrationskosten. Container-basierte Workloads auf Kubernetes sind am portabelsten. Der pragmatische Rat: Proprietäre Services dort nutzen, wo sie echten Vorteil bieten, aber die Kernarchitektur auf offenen Standards (Kubernetes, Terraform, PostgreSQL) aufbauen.
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Quelle Titelbild: Pexels / Brett Sayles (px:5489456)