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In deutschen IT-Abteilungen wächst ein Problem, das niemand bestellt hat: der SaaS-Wildwuchs. Was als agile, dezentrale Softwarebeschaffung begann, hat sich zu einem Dickicht aus redundanten Tools, vergessenen Lizenzen und unkontrollierten Datenflüssen entwickelt. Jetzt ziehen CIOs die Reißleine – und konsolidieren mit einer Konsequenz, die vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Das Wichtigste in Kürze
- SaaS-Wildwuchs explodiert: Deutsche Großunternehmen nutzen durchschnittlich über 340 SaaS-Anwendungen, 30-40 Prozent bleiben ungenutzt (Productiv 2025).
- Shadow IT dominiert: 65 Prozent der SaaS-Beschaffungen laufen an der IT-Abteilung vorbei (Gartner 2025).
- Kosten verdoppelt: SaaS-Ausgaben pro Mitarbeiter liegen bei 4.800 Euro jährlich – doppelt so hoch wie 2021.
- Redundanz kostet: 32 Prozent aller SaaS-Lizenzen erfüllen Funktionen, die andere Tools bereits abdecken (Zylo 2025).
- Konsolidierung startet: 58 Prozent der DACH-IT-Entscheider planen aktive SaaS-Rationalisierung für 2026 (Lünendonk-Stiftung).
„Gartner prognostiziert, dass bis 2027 rund 75 Prozent der Mitarbeiter Technologie außerhalb der IT-Sichtbarkeit beschaffen, anpassen oder erstellen werden (Gartner).“
Anatomie des Wildwuchses
Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort liegt in der Struktur moderner SaaS-Beschaffung. Anders als bei klassischer On-Premise-Software braucht es für ein neues SaaS-Tool weder einen Beschaffungsantrag noch eine IT-Freigabe. Eine Kreditkarte und fünf Minuten reichen.
Gartner prognostiziert, dass bis 2027 rund 75 Prozent der Mitarbeiter Technologie außerhalb der IT-Sichtbarkeit beschaffen, anpassen oder erstellen werden (Gartner). In vielen deutschen Unternehmen ist diese Schwelle bereits überschritten. Das Marketing nutzt HubSpot und Mailchimp parallel, der Vertrieb arbeitet mit Salesforce und Pipedrive gleichzeitig, und jede Abteilung hat ihr eigenes Projektmanagement-Tool – Asana hier, Monday dort, Notion nebenan.
Das Problem ist nicht nur finanziell. Es ist operativ. Wenn Kundendaten in fünf verschiedenen Systemen liegen, die nicht miteinander sprechen, entsteht kein ganzheitliches Bild. Customer-Success-Teams sehen nicht, was der Vertrieb weiß. Das Marketing kennt die Support-Tickets nicht. Und die IT-Security kann nicht schützen, was sie nicht kennt – ein Risiko, das mit modernen Identity-Lösungen adressierbar wäre.
Eine Studie von Zylo aus 2025 beziffert den Anteil redundanter SaaS-Anwendungen in Großunternehmen auf 32 Prozent. Das bedeutet: Fast ein Drittel aller SaaS-Lizenzen erfüllt eine Funktion, die mindestens ein anderes bereits vorhandenes Tool ebenfalls abdeckt.
Die Konsolidierungswelle läuft
Deutsche CIOs haben das Problem erkannt – und reagieren. Laut einer Umfrage der Lünendonk-Stiftung planen 58 Prozent der befragten IT-Entscheider in DACH für 2026 eine aktive SaaS-Rationalisierung. Nicht als Sparmaßnahme getarnt, sondern als strategisches Programm.
Der Ansatz variiert, aber drei Muster kristallisieren sich heraus.
Erstens: die Bestandsaufnahme. Unternehmen wie Continental und Deutsche Bank setzen auf SaaS-Management-Plattformen wie Productiv oder Zylo, um überhaupt erst Transparenz zu schaffen. Das klingt banal, aber viele IT-Abteilungen wissen schlicht nicht, welche Tools im Einsatz sind. Die Dunkelziffer liegt bei 30 bis 50 Prozent.
Zweitens: die Plattformstrategie. SAP hat mit der Business Technology Platform einen Ansatz geschaffen, der ERP, Analytics, Integration und KI unter einem Dach vereint. Microsoft 365 deckt Kommunikation, Zusammenarbeit und Produktivität ab. CIOs nutzen diese Plattformen zunehmend als Gravitationszentrum und eliminieren Punkt-Lösungen, die nur eine Funktion erfüllen.
Drittens: Governance-Frameworks. Große Industriekonzerne setzen zunehmend auf interne SaaS-Governance-Boards, die jede neue Anwendung vor der Einführung prüfen. Diese Boards bewerten Sicherheit, Datenschutz, Integrationsfähigkeit und Redundanz – und können die Zahl unkontrollierter SaaS-Einführungen deutlich reduzieren.
„Wer seine SaaS-Landschaft nicht aktiv steuert, zahlt doppelt – einmal für die Lizenz und einmal für die Schatten-IT, die niemand kontrolliert.“
Der CFO als Verbündeter
SaaS-Konsolidierung funktioniert nur, wenn der CFO mitzieht. Und das tut er zunehmend – weil die Zahlen eindeutig sind.
Flexera beziffert die durchschnittliche SaaS-Verschwendung in Unternehmen auf 27 Prozent der Gesamtausgaben. Bei einem Mittelständler mit 2.000 Mitarbeitern und SaaS-Kosten von 9,6 Millionen Euro jährlich entspricht das 2,7 Millionen Euro, die für ungenutzte oder redundante Lizenzen ausgegeben werden – ein Problem, das sich mit Software Asset Management systematisch adressieren lässt.
Die Einsparpotenziale sind gut dokumentiert. Unternehmen, die eine strukturierte SaaS-Rationalisierung durchführen, berichten laut McKinsey von Kostensenkungen zwischen 20 und 35 Prozent – bei gleichbleibender oder sogar verbesserter Nutzerzufriedenheit. Der Trick liegt darin, nicht wahllos zu kürzen, sondern die richtigen Tools zu behalten.
Ein großer Konsumgüterhersteller konsolidierte seine SaaS-Landschaft und reduzierte redundante Anwendungen um ein Drittel. Gleichzeitig stieg die Nutzerzufriedenheit, weil die verbleibenden Tools besser integriert und geschult wurden.
„Der Trick liegt darin, nicht wahllos zu kürzen, sondern die richtigen Tools zu behalten.“
Best-of-Breed vs. Suite: Die Pendelbewegung
Jahrelang galt Best-of-Breed als überlegen: für jede Funktion das spezialisierte Tool, verbunden über APIs und iPaaS-Plattformen – ganz im Sinne einer Multi-Cloud-Strategie. Diese Strategie hat ihre Berechtigung – aber sie skaliert schlecht.
Je mehr Tools, desto mehr Integrationen. Je mehr Integrationen, desto mehr Wartungsaufwand, Sicherheitsrisiken und Abhängigkeiten. Gartner spricht von einem „Integration Tax“, der bei Best-of-Breed-Strategien 15 bis 20 Prozent der gesamten IT-Personalkapazität binden kann.
Die Gegenbewegung ist sichtbar. Microsoft Teams hat in Deutschland viele Unternehmen dazu gebracht, Slack, Zoom und WebEx durch eine einzige Plattform zu ersetzen. SAP S/4HANA konsolidiert ERP-Funktionen, die früher in Dutzenden Spezialsystemen lagen. Und Googles Workspace-Erweiterungen machen separate Tools für Formulare, Umfragen und einfaches Projektmanagement überflüssig.
Das heißt nicht, dass Best-of-Breed tot ist. Für hochspezialisierte Anforderungen – etwa im DevOps-Bereich oder bei branchenspezifischen Anwendungen – bleibt der Spezialisten-Ansatz überlegen. Aber für Standardfunktionen wie E-Mail, Kalender, Chat, Dateiverwaltung und einfaches Projektmanagement gewinnt die Suite.
CIOs, die ihre SaaS-Landschaft jetzt nicht aktiv steuern, verlieren die Kontrolle über Kosten, Sicherheit und Datenqualität. Die Konsolidierungswelle ist keine vorübergehende Mode. Sie ist die logische Korrektur einer Dekade unkontrollierten SaaS-Wachstums – und für viele Unternehmen die größte Einzelmaßnahme zur IT-Kostenoptimierung, die 2026 auf dem Tisch liegt – Hand in Hand mit einem durchdachten FinOps-Ansatz.
Häufige Fragen
Wie finde ich heraus, welche SaaS-Tools in meinem Unternehmen tatsächlich genutzt werden?
SaaS-Management-Plattformen wie Productiv, Zylo oder Torii scannen SSO-Logs, Finanzdaten und Netzwerkverkehr, um ein vollständiges Inventar zu erstellen. Als Einstieg reicht oft schon eine Analyse der SSO-Anmeldedaten und Kreditkartenabrechnungen, um die größten Lücken zwischen bekannten und tatsächlich genutzten Tools zu identifizieren.
Wie verhindere ich, dass Shadow IT nach der Konsolidierung erneut wächst?
Der Schlüssel ist ein leichtgewichtiger Governance-Prozess. Ein SaaS-Board, das neue Tools innerhalb von 5 bis 10 Werktagen prüft und freigibt, reduziert den Anreiz für Schatten-Beschaffung. Wichtig: Der Prozess muss schneller sein als die Selbstbeschaffung, sonst umgehen die Fachabteilungen ihn erneut.
Suite oder Best-of-Breed – was ist die richtige Strategie?
Für Standardfunktionen (Kommunikation, Office, Projektmanagement) ist die Suite heute meist die bessere Wahl – weniger Integrationsaufwand, bessere Sicherheit, niedrigere Gesamtkosten. Für spezialisierte Anforderungen (DevOps, Branchensoftware, Advanced Analytics) bleibt Best-of-Breed überlegen. Die meisten Unternehmen fahren am besten mit einem hybriden Ansatz: Suite als Basis, Spezialtools für echte Differenzierung.
Weiterführende Lektüre
- FinOps: Wie Unternehmen Cloud-Kosten endlich in den Griff bekommen – cloudmagazin
- Cloud-Trends 2026: Was IT-Entscheider jetzt auf dem Radar haben müssen – cloudmagazin
- Cybersecurity-Trends 2026: Die 7 Entwicklungen, die Security-Entscheider kennen müssen – SecurityToday
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Quelle des Titelbildes: Pexels / Kampus Production