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Die Hartl Group hat sich mit drei weiteren Partnern zur synaforce GmbH zusammengeschlossen, um nachhaltige Rechenzentrumsleistungen deutschlandweit anzubieten. Unter der Regie der Münchener Beteiligungsgesellschaft Afinum Management GmbH erfolgt ein Buy-and-Build-Ansatz, der mittelständische Unternehmen zusammenführt. Ziel ist die Skalierung von Managed Cloud Services auf Basis von 100 Prozent Ökostrom.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Hartl Group gründete 2023 gemeinsam mit ITecon, Abakus IT Service und Trikom die synaforce GmbH.
- Afinum Management finanziert das Wachstum mit einem Fonds von 1,8 Milliarden Euro.
- Peter Hartl zieht sich zurück, Andreas Braidt übernimmt als CEO und COO die operative Führung.
- Das neue Rechenzentrum in Hofkirchen erreicht einen PUE-Wert von 1,1 bei Nutzung von Solarstrom.
- Kommunen und staatliche Stellen fordern zunehmend Nachhaltigkeit als KO-Kriterium für Aufträge.
Was ist Rechenzentrumsleistung?
Rechenzentrumsleistung ist 2023 ein konkreter Hebel für Unternehmen, weil das Thema direkt über skalierbare Rechenzentrumsleistung, Energieeffizienz und Compliance entscheidet. Der Beitrag zeigt am Beispiel von synaforce, welche Anforderungen, Kennzahlen und operativen Schritte in der Praxis zählen.
Der Markt für Rechenzentrumsinfrastruktur befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Während traditionelle Anbieter oft noch auf veraltete Kühltechnologien setzen, rücken Energieeffizienz und ökologische Verträglichkeit in den Fokus. Die Gründung der synaforce GmbH markiert einen signifikanten Schritt in dieser Entwicklung. Vier etablierte Player haben ihre Ressourcen gebündelt, um eine Lösung zu schaffen, die technische Exzellenz mit ökologischer Verantwortung verbindet. Getragen wird die Initiative vom deutschen Mittelstand.
Peter Hartl, Gründer der Hartl Group, einer der führenden Betreiber nachhaltiger Rechenzentren am Stammsitz Hofkirchen bei Passau, in Wien, Nürnberg und München, wusste schon immer, dass man nur im Team und mit Partnern langfristig bestehen kann. So verlässt sich sein Unternehmen bei Themen, die es nicht aus eigener Kraft bedienen kann oder will, auf „Mitstreiter“, wie er sie nennt. Diese Haltung führte im Frühjahr 2023 zur Bildung des neuen Konzerns. Die ITecon GmbH, zu der auch ITecon Financial Services gehört, verfügt mit ihrem modularen Rechenzentrum in Mainz und einem weiteren in Frankfurt am Main über vergleichbare Standards. Das württembergische Systemhaus Abakus IT Service aus Waldburg ist mit Standorten in Dortmund, Soest und Unna in den westlichen Bundesländern einschließlich Nordrhein-Westfalen sehr aktiv. Der Hamburger Netzwerkdienstleister Trikom ist weit über die Stadtgrenze im Norden Deutschlands vertreten. Durch diese geografische Diversifizierung gewinnt synaforce nicht nur räumlich, sondern auch fachlich an Breite.
Strategische Finanzierung durch Afinum
Fünfter im Bunde und derjenige, der den Zusammenschluss erst möglich gemacht hat, ist die Münchener Beteiligungsgesellschaft Afinum Management GmbH. Diese verwaltet Fonds mit Kapitalzusagen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro sowie ein Eigenkapital von 1,1 Milliarden Euro. Wie synaforce CMO Hannes Beierlein bei der Pressekonferenz zur offiziellen Gründung am 14. Juni 2023 sagte, fließt sehr viel davon in Buy-and-Build genannte Projekte mit dem Schwerpunkt, mittelständische Unternehmen zusammenzuschweißen, gemeinsam aufzubauen und wettbewerbsfähiger zu machen. Dieser Ansatz unterscheidet sich deutlich von klassischen Übernahmen, bei denen oft nur kurzfristige Synergien gesucht werden. Im Vordergrund steht der langfristige Aufbau einer skalierbaren Plattform.
Die Verhandlungen mit Afinum als strategischen Finanzpartner hatte Hartl im Mai 2022 abgeschlossen, um die nächste Wachstumsphase einzuleiten. Dabei kam man überein, dass die Afinum Neunte Beteiligungsgesellschaft, beraten von der Afinum Management GmbH, eine Mehrheit an der Hartl Group und weitere IT-Dienstleister übernehmen wird, um das Geschäft mit nachhaltigen Managed Cloud Services überregional aufzustellen und zu skalieren. Ein solches Vorgehen erfordert präzise Due-Diligence-Prozesse und eine klare Vision für die Zukunft der beteiligten Unternehmen. Die finanzielle Rückendeckung ermöglicht Investitionen in moderne Infrastruktur, die ohne externe Kapitalgeber oft schwer zu finanzieren wären.
Durch die IT-Dienstleister gewinnt synaforce nicht nur geografisch, sondern auch thematisch eine größere Breite. Trikom bringt etwa sehr viel Knowhow in puncto Netzwerksicherheit ein. Abakus ist bis Wathlingen im Landkreis Celle im östlichen Niedersachsen sehr gut vernetzt und hat sich auch als TK-Dienstleister einen Namen gemacht. Die Kombination aus lokaler Präsenz und technischer Expertise schafft ein Netzwerk, das nahtlose Übergänge zwischen verschiedenen Regionen gewährleistet. Die Zusammenarbeit basiert auf gemeinsamen Standards für Qualität und Sicherheit.
„Das ist bei staatlichen oder kommunalen Stellen wie auch bei großen Unternehmen mittlerweile eine KO-Kriterium. Denn Nachhaltigkeit wird immer wichtiger und auch von den Konzernen eingefordert.“
– Peter Hartl, Gründer Hartl Group / synaforce
Technische Nachhaltigkeit und Effizienz
Das 2016 eingeweihte, nach ISO 27001 und DIN EN 50600 Cat. III zertifizierte neue Rechenzentrum der Hartl Group oder synaforce, wie sie sich jetzt nennt, ist ganz auf die Versorgung mit Solarstrom ausgelegt und gehört mit neuester Kühltechnik zu den modernsten in ganz Bayern und Süddeutschland. Auf die Frage, ob das bei der wichtigen Zielgruppe staatlicher und kommunaler Einrichtungen zieht, sagte Peter Hartl: „Das ist bei staatlichen oder kommunalen Stellen wie auch bei großen Unternehmen mittlerweile eine KO-Kriterium. Denn Nachhaltigkeit wird immer wichtiger und auch von den Konzernen eingefordert.“ Diese Anforderung stellt hohe Hürden dar, die nur durch entsprechende Zertifizierungen und transparente Energielieferketten überwunden werden können.
Weiter wollte cloudmagazin wissen, ob es möglich oder überhaupt sinnvoll ist, ein bestehendes Rechenzentrum nachhaltig umzurüsten. Hartl antwortete mit einem klaren „Nein“, weil allein die Gebäudestruktur das gar nicht zulasse. Daher stehen ältere Rechenzentren auch meist leer, wenn sie keine andere Bestimmung finden. Das neue Data Center in Hofkirchen an der Donau kann sich mit einem PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) von 1,1, besser als der Wert von Google, in Sachen Nachhaltigkeit und Energieverbrauch umso mehr sehen lassen. Dieser Wert besagt, dass pro Watt Leistung nur jeweils 0,1 Watt zusätzlich für die Kühlung benötigt wird. Der Branchendurchschnitt liegt bei einem PUE-Wert von 1,7, der von Google nach eigenen Angaben bei 1,2.
Die Energie bezieht das Rechenzentrum rein aus regenerativen Quellen. ITecon in Mainz kommt auf ähnlich gute Werte und setzt bei der Energieversorgung auch auf 100 Prozent Ökostrom. Hartl schließt nicht aus, dass sich weitere mit Sonne, Wind und Wasser betriebene Rechenzentren wie das ColocationIX in Rostock synaforce anschließen könnten, um das Versorgungsnetz nachhaltiger DC-Services weiter auszubauen und somit auch deutschlandweit ein mittelständischer Trendsetter zu werden. Solche Kooperationen erhöhen Kapazität und Redundanz und ermöglichen es, Lastspitzen effizienter zu verteilen.
Führungswechsel als Best Practice
Mit der Beteiligung von Afinum hat sich die Hartl Group in synaforce umbenannt, im April 2023 folgte Abakus, im Juni die Trikom GmbH, die Unternehmen unter anderem beim Aufbau kundeneigener On-Premises-Datacenter unterstützt. Die ITecon GmbH und ihre Tochtergesellschaft ITecon Financial IT Services werden den Namenswechsel voraussichtlich erst Anfang 2024 vollziehen. Die noch unter den bisherigen Namen bestehenden Webseiten werden ebenfalls sukzessive in synaforce aufgehen, um das 360-Grad-Leistungsspektrum von synaforce in seiner Gesamtheit abzubilden. Die B2B-Kunden und Partner sind bereits vollumfänglich informiert. Sie wissen auch, dass die Firmenleitung von synaforce in Hofkirchen bei Passau liegt und dass Hartl sich diese mit zwei seiner langjährigen Mitarbeiter teilt:
Andreas Braidt ist als COO für das operative Geschäft verantwortlich, Tobias Lehner als CTO für die Technologie- und Anwendungsentwicklung. Braidt ist auch als dedizierter CEO von synaforce vorgesehen, während Hartl, heute 58, sich in die zweite Reihe zurückziehen will. Damit leitet er die vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) empfohlene rechtzeitige Nachfolgeregelung ein, die in vielen mittelständischen Unternehmen fehlt. Eine solche Planung ist essenziell, um Kontinuität zu gewährleisten und Investoren Vertrauen zu schenken. Die Rollenverteilung ist klar definiert, was Entscheidungswege verkürzt und die Agilität des Unternehmens erhöht.
Alle fünf Unternehmen (inklusive ITecon Financial Services) zusammen haben derzeit etwa 100 Beschäftigte und 1.000 Kunden, die meisten davon aus dem deutschen Mittelstand. Wie Hartl auf dem Presse-Event in der Münchener Motor World in Freimann erklärte, will die Gruppe wachsen und weitere Mitglieder aufnehmen. Seine Wunschvorstellung ist es, in vier bis fünf Jahren auf 300 Mitarbeitende zu kommen. Dabei sei die Zahl der Beschäftigten gar nicht so ausschlaggebend, wenn man wie sein Unternehmen mit zuletzt 21 Leuten als Team funktioniert. Qualifizierte Fachkräfte sind dabei wichtiger als quantitative Masse.
Marktpositionierung und Ausblick
Die Strategie von synaforce zielt darauf ab, eine führende Rolle im Bereich grüner IT-Infrastrukturen einzunehmen. Durch die Bündelung von Kompetenzen aus verschiedenen Regionen entsteht ein Netzwerk, das nationale Anforderungen erfüllt und gleichzeitig lokale Besonderheiten berücksichtigt. Die Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Hamburger Netzwerkdienstleister Trikom erweitert die Reichweite in den Norden Deutschlands. Gleichzeitig sichert die Präsenz in Bayern und Baden-Württemberg starke Positionen im Süden. Diese geografische Balance ist entscheidend für die Versorgungssicherheit und Latenzzeiten bei kritischen Anwendungen.
Nachhaltigkeit ist „KO-Kriterium“ bei Kommunen. Viele öffentliche Auftraggeber schreiben in ihren Ausschreibungen vor, dass Rechenzentren ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden dürfen. Wer hier nicht mithalten kann, verliert potenzielle Großaufträge an Wettbewerber mit stärkerem ökologischem Profil. synaforce positioniert sich genau an dieser Schnittstelle. Mit dem Einsatz von 100 Prozent Ökostrom und modernen Kühltechniken wird die Compliance-Anforderung nicht nur erfüllt, sondern als Verkaufsargument genutzt. Das eröffnet neue Märkte, die bisher aufgrund fehlender Nachhaltigkeitsnachweise unerschlossen blieben.
Ein möglicher Ausbau des synaforce-Netzwerks um weitere grün betriebene Rechenzentren würde die Kapazitäten erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen Standorten verringern. Zudem stärkt das die Verhandlungsposition gegenüber Energieversorgern. Langfristig könnte sich das Modell als Referenz für den deutschen Mittelstand etablieren, der seine digitale Infrastruktur unter ESG-Vorzeichen modernisieren muss.
Der Zusammenschluss adressiert zwei parallele Entwicklungen im deutschen Mittelstand: den Nachfolgedruck bei Gründern der Babyboomer-Generation, die ihre Unternehmen in gesicherte Strukturen überführen wollen. Dazu kommt die zunehmende regulatorische Belastung durch CSRD, EU-Taxonomie und kommunale Ausschreibungsvorgaben. Buy-and-Build-Plattformen wie synaforce bieten beiden Seiten eine Antwort. Inhaber bekommen eine Exit-Option mit Branchen-Kontinuität, Kunden einen Ansprechpartner, der Skalierung und Nachhaltigkeit gleichzeitig liefern kann. Für IT-Entscheider im Mittelstand ist das relevant, weil die Zahl unabhängiger deutscher Managed-Service-Anbieter seit Jahren sinkt, während Hyperscaler-Abhängigkeit und Souveränitätsdebatte gleichzeitig wachsen.
Häufige Fragen
Wer sind die Gründungsmitglieder von synaforce?
Die synaforce GmbH wurde im Frühjahr 2023 von der Hartl Group, der ITecon GmbH, dem Systemhaus Abakus IT Service und dem Hamburger Netzwerkdienstleister Trikom gegründet.
Wie hoch ist das Kapital der Afinum Beteiligungsgesellschaft?
Afinum verwaltet Fonds mit Kapitalzusagen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro sowie ein Eigenkapital von 1,1 Milliarden Euro.
Welchen PUE-Wert erreicht das Rechenzentrum in Hofkirchen?
Das Data Center in Hofkirchen an der Donau erreicht einen PUE-Wert von 1,1, was bedeutet, dass pro Watt Leistung nur jeweils 0,1 Watt zusätzlich für die Kühlung benötigt wird.
Wer übernimmt die Führung nach Peter Hartl?
Andreas Braidt ist als COO für das operative Geschäft verantwortlich und soll als CEO fungieren, während Tobias Lehner als CTO für die Technologie zuständig ist.
Warum ist Nachhaltigkeit für Kommunen wichtig?
Nachhaltigkeit ist ein KO-Kriterium bei Kommunen und staatlichen Stellen, da diese zunehmend auf grüne Energiequellen und zertifizierte Infrastrukturen bestehen.
Quelle Titelbild: synaforce / Hartl Group (Pressebild)
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