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Frank Karlitschek: Zehn Jahre Nextcloud ohne Risikokapital

2016 verließ Frank Karlitschek das mitgegründete ownCloud und startete Nextcloud. Heute setzen Ministerien in mehreren EU-Ländern auf seine Software.

Von Benedikt Langer 25. September 2026 8 Minuten Lesezeit
Frank Karlitschek: Zehn Jahre Nextcloud ohne Risikokapital

Im April 2016 verließ Frank Karlitschek das Unternehmen, das er selbst mitgegründet hatte. Im Juni startete er Nextcloud. Zehn Jahre später arbeitet sein Unternehmen profitabel, ohne Risikokapital und mit rund 170 Beschäftigten. Zu den Kunden zählen Ministerien in Frankreich, Österreich und Deutschland, Hochschulnetze und die Deutsche Telekom.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Neustart mit Folgen. Frank Karlitschek verließ 2016 ownCloud mit dem Core-Team und gründete mit Niels Mache Nextcloud, das schon Ende 2016 profitabel war.
  • Wachstum aus eigener Kraft. Nextcloud kommt nach eigenen Angaben ohne Risikokapital aus, steigerte die Buchungen 2025 um über 50 Prozent und gewann über zwei Millionen neue berufliche Nutzer.
  • Der Staat als Kunde. Das französische Bildungsministerium nutzt Nextcloud mit 400.000 Konten und plant 1,2 Millionen, dazu kommen Ministerien in Österreich und Deutschland.

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Der Bruch mit ownCloud

Am 27. April 2016 kündigte Karlitschek in seinem Blog seinen Abschied von ownCloud Inc. an. Darin stellte er Fragen zum Umgang mit der Community und zum Verhältnis von Wachstum, Geld und Nachhaltigkeit. Die meisten Kernentwickler gingen mit ihm. Im Juni 2016 gründete er gemeinsam mit Niels Mache und einem Dutzend erfahrener Open-Source-Unternehmer und Ingenieure gründete er Nextcloud.

Der Schritt war riskant. Karlitschek hatte das ownCloud-Projekt 2010 gestartet und dessen erste Version veröffentlicht. 2011 gründete er ownCloud Inc. mit. Nun gab er den bekannten Namen auf und begann mit einer neuen Marke von vorn.

Rückblickend beschreibt er die Lage von damals so: „Im Jahr 2016 dominierten die großen Tech-Konzerne den Markt für Kollaborationssoftware.“ Datenschutz spielte dabei nach seinen Worten nur eine untergeordnete Rolle. „Nextcloud war unsere Antwort darauf.“

Zehn Jahre später ist daraus ein Unternehmen mit Sitz in Stuttgart geworden. Seine Software läuft in Ministerien, Hochschulen und bei der Deutschen Telekom.

Was ist digitale Souveränität? Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Organisationen und Staaten, selbst über ihre Daten und die eingesetzten Technologien zu bestimmen. Sie gerät unter Druck, wenn Gesetze wie der US-CLOUD Act ausländischen Behörden Zugriff auf Daten erlauben, auch in europäischen Rechenzentren. Open-Source-Software, europäische Betreiber und unabhängige Sicherheitsnachweise gelten als Bausteine, um diese Kontrolle zu behalten.

Ein Thema für Nerds

Karlitschek kommt aus der Open-Source-Welt. Seit Ende der 1990er-Jahre engagierte er sich in KDE-Projekten, einer großen freien Desktop-Umgebung für Linux. Außerdem saß er im Vorstand des KDE e.V. „Ich beschäftige mich seit den 1990er-Jahren mit Open Source“, sagte er im Juni der Computerwoche. „Damals war das vor allem ein Thema für eine kleine Gruppe von Nerds – Menschen, denen Software und Kontrolle darüber wirklich wichtig waren.“

Frank Karlitschek, Gründer und CEO von Nextcloud
Frank Karlitschek beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit Open Source. Bild: Nextcloud

Diese Nische hat sich verändert. Karlitschek nennt mehrere Momente, die das Interesse an Open Source beschleunigt haben: die Snowden-Enthüllungen, die Diskussionen um die DSGVO, bestimmte gesetzliche Regelungen und die aktuelle geopolitische Lage. Aus der Frage einiger Idealisten wurde eine Frage für IT-Leiter, Datenschutzbeauftragte und Regierungen.

Das Grundprinzip von Nextcloud ist dabei gleich geblieben. „Seit dem Beginn von Nextcloud vor zehn Jahren war unser Grundprinzip immer klar“, sagte Karlitschek im Februar laut heise online. „Organisationen und Individuen behalten die Kontrolle über ihre Daten, anstatt in ein vom Anbieter kontrolliertes Ökosystem zu wechseln.“

Profitabel ab dem ersten Jahr

Nextcloud nahm kein Risikokapital auf, ein Weg, der in der Software-Branche selten geworden ist. Es finanzierte sein Wachstum aus dem eigenen Geschäft. Nach Herstellerangabe war Nextcloud bereits Ende 2016 profitabel, im Jahr der Gründung.

Bis Ende 2017 wuchs das Team auf 35 Mitarbeitende, fast eine Verdreifachung. 2019 gelang ein großer Durchbruch im öffentlichen Sektor. Nach Herstellerangabe rollten die Regierung in Frankreich und die Bundesverwaltung in Deutschland Nextcloud für ihre Beschäftigten aus. Ordereingang und Kundenbasis verdoppelten sich im selben Jahr.

Im Dezember 2023 zählte Nextcloud 100 Teammitglieder aus über 20 Ländern, mit Büros in Berlin und Stuttgart. Im selben Monat schloss sich das E-Mail-Projekt Roundcube dem Unternehmen an.

Die Beschwerde gegen Microsoft

Karlitschek sucht auch die politische Auseinandersetzung. 2021 reichte eine Koalition aus 30 Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen unter Führung von Nextcloud eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein. Der Vorwurf lautete Gatekeeping durch Microsoft. Gemeint ist, dass ein marktbeherrschender Anbieter den Zugang für Wettbewerber verengt, etwa durch die enge Kopplung eigener Dienste. Im Kern ging es um die Bündelung von OneDrive mit Windows.

Zunächst lief das Verfahren leise. Nach Karlitscheks Worten reichte Nextcloud die Beschwerde bereits im April 2021 ein. Als von der Kommission monatelang kaum etwas kam, legte das Unternehmen eine zweite Beschwerde beim Bundeskartellamt ein und machte die Sache Ende November 2021 öffentlich. Man wolle den Druck erhöhen, sagte Karlitschek damals der britischen IT-Seite The Register.

Die Kommission ließ sich Zeit. Seit der Einreichung habe es keinen merklichen Fortschritt gegeben, schrieb Nextcloud im Oktober 2025. Mit Verweis auf das fehlende Interesse der Kommission, das lange Verfahren und die eigenen Kosten zog das Unternehmen die Beschwerde zurück. Ein Sprecher der Kommission nahm den Rückzug laut The Register zur Kenntnis. Er verwies darauf, dass Nextcloud die Sache beim Bundeskartellamt weiterverfolgt.

Beim Bundeskartellamt läuft die Sache weiter. Schon Ende September 2024 hatte das Amt Microsoft als Unternehmen mit überragender marktübergreifender Bedeutung für den Wettbewerb eingestuft. Für fünf Jahre gilt damit eine erweiterte Missbrauchsaufsicht. Karlitschek sprach in einer Mitteilung von einem wichtigen Schritt, um wettbewerbsgefährdende Praktiken des US-Konzerns künftig untersagen zu können. Nextcloud habe drei Jahre lang Unterlagen und Beweise vorgelegt. Eine Entscheidung des Amts zum OneDrive-Bundling ist bislang nicht bekannt.

Ein zentraler Punkt ist für Karlitschek der US-CLOUD Act. Das Gesetz gewährt US-Behörden unter bestimmten Bedingungen Zugriff auf Daten, die US-Anbieter speichern. Es gilt ausdrücklich auch für europäische Rechenzentren und Tochtergesellschaften. Ein Serverstandort in Frankfurt schützt Daten damit nicht automatisch vor dem Zugriff aus Washington.

Als Beispiel nennt Karlitschek das Delos-Modell von Microsoft. Dort gehört der Betreiber zu SAP, Microsoft liefert die Software. Karlitschek sieht darin einen Lösungsversuch mit einer Schwachstelle: Updates und Sicherheits-Patches kommen weiterhin von Microsoft. Die Abhängigkeit bleibe bestehen.

Umso mehr begrüßt er das Tech Sovereignty Package der EU-Kommission. „Ich finde die Vorschläge großartig. Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass man so gut zugehört hat“, sagte er der Computerwoche. „Die eigentliche Herausforderung besteht jetzt darin, die Vorschläge tatsächlich umzusetzen.“ Der Entwurf sieht vier Risikostufen vor. In der höchsten zählen nur Open-Source- und europäische Lösungen. Diese Stufe betrifft nach Karlitscheks Einschätzung allerdings „nur ein Prozent des Marktes“.

Nachfrage aus aller Welt

Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump im Jahr 2025 spürt Nextcloud einen deutlich gestiegenen Bedarf an europäischen Lösungen. Die eingehenden Anfragen haben sich 2025 nach Herstellerangabe gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Die meisten kamen aus Deutschland, dahinter folgte Frankreich knapp vor den USA. Am stärksten wuchs die Nachfrage aus den Niederlanden, Dänemark und Brasilien.

Kennzahl Wert Quelle
Start Juni 2016, profitabel ab Ende 2016 Herstellerangabe
Beschäftigte rund 170 in 30 Ländern Karlitschek im Interview mit Computer Weekly, September 2026
Buchungen 2025 über 50 Prozent mehr als 2024 Herstellerangabe
Neue berufliche Nutzer 2025 über zwei Millionen Herstellerangabe
Risikokapital keines Herstellerangabe

Karlitschek zieht daraus einen Schluss. Der Trend zu souveränen Lösungen sei nicht auf Europa beschränkt, sagt er. Er sei eine globale Entwicklung.

Das Partnernetz wuchs 2025 nach Herstellerangabe um fast 300 Prozent.

Karlitschek bleibt dabei nüchtern. „Das Interesse ist riesig“, sagte er beim Nextcloud Summit im Juni in München. Viele Organisationen würden aber zunächst Optionen erkunden, bevor sie handeln. Den größten Zulauf sieht er in Verteidigung, Bildung und regulierten Branchen wie dem Gesundheitswesen und dem Finanzsektor.

Ministerien als Kunden

Wie groß die Projekte werden, zeigt der öffentliche Sektor. Das französische Ministerium für Nationalbildung führt Nextcloud gerade ein. Aktuell laufen dort 400.000 Mitarbeiterkonten, das Ziel liegt bei 1,2 Millionen. Die niederländische IT-Kooperation für Bildung und Forschung SURF brachte Nextcloud 2025 für 100.000 Nutzer in Betrieb. Das österreichische Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus startete im selben Jahr mit 1.200 Nutzern.

Solche Vorhaben brauchen Geduld. Ein typischer Verkaufszyklus dauert nach Angaben von Nextcloud mehrere Monate, im öffentlichen Sektor teils Jahre. Viele Projekte, die zuletzt gestartet sind, erwartet das Unternehmen deshalb erst 2026 und 2027 im breiten Rollout.

Im August erhielt Nextcloud Files die CSPN-Zertifizierung der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI. Nach Angaben von Nextcloud fanden die Prüfer in den vorausgegangenen Schwachstellen- und Penetrationstests keine Lücke. In Deutschland stellt der öffentliche IT-Dienstleister Dataport eine Nextcloud-Instanz in einer Umgebung bereit, die nach BSI IT-Grundschutz zertifiziert ist. Die Instanz selbst gehört dabei nicht zum Zertifizierungsumfang.

Partner und ein Euro-Office

Nextcloud wächst über Partner. Der Cloud-Anbieter IONOS startete 2025 einen Nextcloud Workspace auf seiner Plattform. Der schwedische Systemintegrator Redpill Linpro brachte ein ähnliches Angebot in die nordischen Länder. Dazu kommen Partner in den Niederlanden und in Frankreich, darunter der niederländische Telekommunikationskonzern KPN.

Mit IONOS verbindet Nextcloud auch das Euro-Office, ein gemeinsam entwickeltes Büropaket. Mitte September kündigte Nextcloud dafür einen Desktop-Client an. IONOS-Manager Patrick Schaudel begründet das Projekt mit dem Bedarf an einer unabhängigen europäischen Office-Lösung, die mit den etablierten Anbietern mithalten kann.

Für Karlitschek geht es dabei um mehr als Speicherorte. „Wahlfreiheit ist ein zentraler Bestandteil der digitalen Souveränität“, sagte er zum Start der Desktop-App. „Es geht nicht nur darum, wo sich Daten befinden, sondern auch, welche Tools verfügbar sind – und dass Nutzer diese Entscheidung selbst treffen können.“

Europa kann nicht warten

Im November 2025 legte Nextcloud nach. Mit dem Programm Sovereignty 2030 kündigte das Unternehmen Investitionen von mehr als 250 Millionen Euro bis 2030 an. Das Geld soll in Forschung und Entwicklung, neue Produkte, Partner, Aufklärung und Community-Projekte fließen. Die weltweite Belegschaft soll binnen fünf Jahren auf das Siebenfache wachsen. Noch ist das eine Ankündigung.

Karlitschek begründete den Schritt mit einem Satz, der sich an die ganze europäische Wirtschaft richtet: „Europe can’t wait.“ Politische Entscheidungen bräuchten Zeit, sagte er. Deshalb müsse die private Wirtschaft vor Ort die wirtschaftliche Unabhängigkeit von unten voranbringen. „This is why we decided to take the lead.“

Zehn Jahre nach dem Neustart

Mitte September feierte die Nextcloud-Community im CIC Berlin. Auf der Community Conference eröffnete Karlitschek am 19. September mit der Keynote „Building a safer digital world – together“. Am Tag darauf saß er im Roundtable „10 years of Nextcloud“.

Gruppenfoto der Teilnehmenden der Nextcloud Community Conference 2025 in Berlin
Rund 400 Gäste kamen im September 2025 zur Nextcloud Community Conference nach Berlin. Bild: Nextcloud

Wenige Tage später zog er im Interview mit Computer Weekly Bilanz. Das Wachstum der vergangenen Jahre bezifferte er dort auf 50 bis 60 Prozent pro Jahr. Bei der Deutschen Telekom nutzen mehr als drei Millionen Menschen täglich die MagentaCloud, die auf Nextcloud basiert. Karlitschek wunderte sich dort selbst ein wenig: „Sometimes I ask myself how we can be the champion with just 170 people.“

Ein Teil der Antwort liegt in Entscheidungen, die 2016 riskant wirkten: der Neustart ohne bekannten Namen, der Verzicht auf Risikokapital und der offene Streit mit Microsoft. Ob das Wachstum trägt, zeigt sich an den großen Rollouts, die Nextcloud selbst erst für 2026 und 2027 erwartet.

Für IT-Entscheider steckt darin eine praktische Lehre. Wer souveräne Kollaboration prüft, sollte drei Punkte klären: wer Updates und Patches kontrolliert, welche Zertifikate vorliegen und wie lange der Umstieg im eigenen Haus dauert. Die ersten beiden Punkte lassen sich an Zertifikaten und am Update-Weg der Software prüfen. Den dritten beantwortet nur ein Pilot im eigenen Haus.

Häufige Fragen

Wer hat Nextcloud gegründet?

Frank Karlitschek und Niels Mache gründeten Nextcloud im Juni 2016 gemeinsam mit einem Dutzend erfahrener Open-Source-Unternehmer und Ingenieure. Karlitschek hatte zuvor das ownCloud-Projekt gestartet und ownCloud Inc. mitgegründet.

Wie groß ist Nextcloud heute?

Nach Angaben von Frank Karlitschek zählt Nextcloud rund 170 Beschäftigte in 30 Ländern und wächst jährlich um 50 bis 60 Prozent.

Was ist Sovereignty 2030?

Sovereignty 2030 ist ein Investitionsprogramm, das Nextcloud im November 2025 angekündigt hat. Bis 2030 will das Unternehmen mehr als 250 Millionen Euro in Forschung, Produkte, Partner und Community investieren und seine Belegschaft auf das Siebenfache ausbauen.

Bildquelle: KI-generiert (September 2026)

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